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  • Was ist Arbeit?


    Jörg Markowitsch

    Was Beschäftigung? Und wie haben sie sich über die Jahrhunderte verändert? Führende Wissenschafter:innen  aus Europa, den USA, China und Afrika reflektieren diese und verwandte Fragen in einem sechsteiligen Dokumentarfilm von Gérard Mordillat und Bertrand Rothé, der sich auch fabelhaft als Podcast eignet.

    Auch das Graben und der richtige Umgang mit dem Spaten will gelernt sein. Dies war mitunter eine der wert­volls­ten Erfah­run­gen, die mich serbische und rumä­ni­sche Sai­son­ar­bei­ter lehrten. Zu meinem 50.Geburtstag hatte ich mir selbst ein Volon­ta­ri­at in einem Gar­ten­bau­be­trieb geschenkt. Beim gemein­sa­men Ausgraben von mehreren hundert Hecken­pflan­zen wurde deutlich: Die Männer wissen nicht nur, wie man den Spaten richtig ansetzt, damit der Wur­zel­bal­len nicht zerfällt; sie wissen auch um das richtige Arbeits­tem­po und die not­wen­di­gen Pausen, um ohne Schmerzen durch den Tag und die Arbeits­wo­che zu kommen. An dieser Stelle: Danke für die Lehre!

    „Man muss geschmei­dig arbeiten, seine Bewe­gun­gen über­wa­chen. Nur wenn man die Spitz­ha­cke gut kennt, handhabt man sie richtig. Die Erd­ar­bei­ter bedienen sich ihrer mit sparsamem Kraft­auf­wand. Ihre Bewe­gun­gen sind überlegt und wohl­be­mes­sen. Es verlangt Geschick­lich­keit, die Schaufel ohne über­mä­ßi­ge Anstren­gung zu handhaben und täglich das gleiche Arbeits­pen­sum zu schaffen. (…) Wenn die Erde gut ist, schön rutscht und auf der Schaufel singt, gibt es, bevor die Ermüdung einsetzt, wenigs­tens eine Stunde am Tag, in der sich der Körper glücklich fühlt.“ Das schreibt der Arbei­ter­schrift­stel­ler George Navel über Erd­ar­bei­ter in seinem Erst­lings­werk „Travaux“ (1945, zu Deutsch: „Werktage“).

    Den Hinweis auf Navel und dieses Zitat verdanke ich Olivier Favereau, eme­ri­tier­ter fran­zö­si­scher Arbeits­öko­nom. Er sieht darin ein Beispiel, dass selbst die nied­rigs­ten Arbeiten zeitweise Glück und Zufrie­den­heit bescheren. Und er meint es nicht zynisch.  Favereau ist einer von 21 Wissenschafter:innen, die in der Doku­men­ta­ti­on „Arbeit, Lohn, Profit“ (2019) von Gérard Mordillat und Bertrand Rothé über Arbeit, Beschäf­ti­gung, Lohn, Kapital und Profit reflektieren.

    Die Art und Weise, wie die Inter­views zusam­men­ge­schnit­ten wurden, fördert Erkennt­nis durch Gegen­über­stel­lung. So erklärt der eine den Ursprung von „tra­vail­ler“ (arbeiten) mal mit Verweis auf ein Fol­ter­in­stru­ment und im Gegensatz zum schöp­fe­ri­schen Eng­li­schen „work“, ein anderer sieht darin den Schöp­fungs­akt schlecht hin, bezeich­net „tra­vail­ler“ doch ursprüng­lich auch „in den Wehen liegen“. Der Großteil der Refle­xio­nen und Anekdoten sind äußerst anregend und durchwegs kritisch. Da wird ordent­lich auf den Kopf gestellt und vor den Kopf gestoßen. Etwa dass es sich beim Arbeits­markt um einen Markt von Angebot und Nachfrage handle, streiten sonst Ökonomen eher selten ab.

    Die Doku­men­ta­ti­on eignet sich zum einen als Ein­füh­rung in das Werk von Karl Marx, zum anderen bietet sie Einblicke in zeit­ge­nös­si­sche öko­no­mi­sche, sozio­lo­gi­sche und anthro­po­lo­gi­sche Theorien zur Arbeit. Sie ist aber sicher auch für Fachleute lohnend, da man Bekannt­schaft mit exzel­len­te Forscher:innen macht, die bislang wenig bis gar nicht ins Deutsche oder Englische übersetzt wurden. Etwa die Sozio­lo­gin Danièle Linhart, die seit den 1980ern zur Rolle der Arbeit in der Gesell­schaft forscht oder Frédéric Lordon, Philosoph und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler an der Sorbonne, der auch als intel­lek­tu­el­ler Kopf der Pro­test­be­we­gung „Nuit debout“ gilt. Daneben finden sich jedoch auch im deutsch­spra­chi­gen Raum bekannte Namen wie etwa David Graeber.

    Die sechs Teile zu je fast einer Stunde sind neben einer gele­gent­li­chen Erzähl­stim­me aus­schließ­lich aus Inter­views der Forscher:innen vor neutralem schwarzen Hin­ter­grund montiert. Das fördert zwar die Kon­zen­tra­ti­on auf das gespro­che­ne Wort, ermüdet aber auch den Sehnerv. Als Hörbuch funk­tio­niert die Doku­men­ta­ti­on hingegen her­vor­ra­gend. So gut, dass man einzelne Passagen zweimal hören will.

    Eine deutsche und fran­zö­si­sche Version von „Arbeit, Lohn, Profit“ (2019) sind auf Arte, YouTube und Archive.org zu sehen bzw. hören.

     

    Refe­ren­zen:
    Linhart, Danièle (2015). La comédie humaine du travail. De la dés­hu­ma­ni­sa­ti­on tay­lo­ri­en­ne à la sur-huma­ni­sa­ti­on mana­gé­ria­le, Paris: Erès.
    Lordon, Frédéric (2014). Willing slaves of capital: Spinoza and Marx on desire. Verso Trade, 2014.
    Navel, George (1945), Travaux. Paris: Stock (1950 auf Deutsch erschie­nen als „Werktage. Roman eines fran­zö­si­schen Arbeiters, Berlin: Aufbau)

     

    'Travail, salaire, profit' (Arbeit. Lohn, Profit), 2019, France, Gérard Mordillat und Bertrand Rothé 

    Danièle Linhart, Soziologin, „Arbeit, Lohn, Profit“ (2019), Filmstil

    Frédéric Lordon, Ökonom und Philosoph, „Arbeit, Lohn, Profit“ (2019), Filmstil

    Iranian Railway Worker

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    Was ist Arbeit?

    Jörg Markowitsch

    Was Beschäftigung? Und wie haben sie sich über die Jahrhunderte verändert? Führende Wissenschafter:innen  aus Europa, den USA, China und Afrika reflektieren diese und verwandte Fragen in einem sechsteiligen Dokumentarfilm von Gérard Mordillat und Bertrand Rothé, der sich auch fabelhaft als Podcast eignet.

    Auch das Graben und der richtige Umgang mit dem Spaten will gelernt sein. Dies war mitunter eine der wert­volls­ten Erfah­run­gen, die mich serbische und rumä­ni­sche Sai­son­ar­bei­ter lehrten. Zu meinem 50.Geburtstag hatte ich mir selbst ein Volon­ta­ri­at in einem Gar­ten­bau­be­trieb geschenkt. Beim gemein­sa­men Ausgraben von mehreren hundert Hecken­pflan­zen wurde deutlich: Die Männer wissen nicht nur, wie man den Spaten richtig ansetzt, damit der Wur­zel­bal­len nicht zerfällt; sie wissen auch um das richtige Arbeits­tem­po und die not­wen­di­gen Pausen, um ohne Schmerzen durch den Tag und die Arbeits­wo­che zu kommen. An dieser Stelle: Danke für die Lehre!

    „Man muss geschmei­dig arbeiten, seine Bewe­gun­gen über­wa­chen. Nur wenn man die Spitz­ha­cke gut kennt, handhabt man sie richtig. Die Erd­ar­bei­ter bedienen sich ihrer mit sparsamem Kraft­auf­wand. Ihre Bewe­gun­gen sind überlegt und wohl­be­mes­sen. Es verlangt Geschick­lich­keit, die Schaufel ohne über­mä­ßi­ge Anstren­gung zu handhaben und täglich das gleiche Arbeits­pen­sum zu schaffen. (…) Wenn die Erde gut ist, schön rutscht und auf der Schaufel singt, gibt es, bevor die Ermüdung einsetzt, wenigs­tens eine Stunde am Tag, in der sich der Körper glücklich fühlt.“ Das schreibt der Arbei­ter­schrift­stel­ler George Navel über Erd­ar­bei­ter in seinem Erst­lings­werk „Travaux“ (1945, zu Deutsch: „Werktage“).

    Den Hinweis auf Navel und dieses Zitat verdanke ich Olivier Favereau, eme­ri­tier­ter fran­zö­si­scher Arbeits­öko­nom. Er sieht darin ein Beispiel, dass selbst die nied­rigs­ten Arbeiten zeitweise Glück und Zufrie­den­heit bescheren. Und er meint es nicht zynisch.  Favereau ist einer von 21 Wissenschafter:innen, die in der Doku­men­ta­ti­on „Arbeit, Lohn, Profit“ (2019) von Gérard Mordillat und Bertrand Rothé über Arbeit, Beschäf­ti­gung, Lohn, Kapital und Profit reflektieren.

    Die Art und Weise, wie die Inter­views zusam­men­ge­schnit­ten wurden, fördert Erkennt­nis durch Gegen­über­stel­lung. So erklärt der eine den Ursprung von „tra­vail­ler“ (arbeiten) mal mit Verweis auf ein Fol­ter­in­stru­ment und im Gegensatz zum schöp­fe­ri­schen Eng­li­schen „work“, ein anderer sieht darin den Schöp­fungs­akt schlecht hin, bezeich­net „tra­vail­ler“ doch ursprüng­lich auch „in den Wehen liegen“. Der Großteil der Refle­xio­nen und Anekdoten sind äußerst anregend und durchwegs kritisch. Da wird ordent­lich auf den Kopf gestellt und vor den Kopf gestoßen. Etwa dass es sich beim Arbeits­markt um einen Markt von Angebot und Nachfrage handle, streiten sonst Ökonomen eher selten ab.

    Die Doku­men­ta­ti­on eignet sich zum einen als Ein­füh­rung in das Werk von Karl Marx, zum anderen bietet sie Einblicke in zeit­ge­nös­si­sche öko­no­mi­sche, sozio­lo­gi­sche und anthro­po­lo­gi­sche Theorien zur Arbeit. Sie ist aber sicher auch für Fachleute lohnend, da man Bekannt­schaft mit exzel­len­te Forscher:innen macht, die bislang wenig bis gar nicht ins Deutsche oder Englische übersetzt wurden. Etwa die Sozio­lo­gin Danièle Linhart, die seit den 1980ern zur Rolle der Arbeit in der Gesell­schaft forscht oder Frédéric Lordon, Philosoph und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler an der Sorbonne, der auch als intel­lek­tu­el­ler Kopf der Pro­test­be­we­gung „Nuit debout“ gilt. Daneben finden sich jedoch auch im deutsch­spra­chi­gen Raum bekannte Namen wie etwa David Graeber.

    Die sechs Teile zu je fast einer Stunde sind neben einer gele­gent­li­chen Erzähl­stim­me aus­schließ­lich aus Inter­views der Forscher:innen vor neutralem schwarzen Hin­ter­grund montiert. Das fördert zwar die Kon­zen­tra­ti­on auf das gespro­che­ne Wort, ermüdet aber auch den Sehnerv. Als Hörbuch funk­tio­niert die Doku­men­ta­ti­on hingegen her­vor­ra­gend. So gut, dass man einzelne Passagen zweimal hören will.

    Eine deutsche und fran­zö­si­sche Version von „Arbeit, Lohn, Profit“ (2019) sind auf Arte, YouTube und Archive.org zu sehen bzw. hören.

     

    Refe­ren­zen:
    Linhart, Danièle (2015). La comédie humaine du travail. De la dés­hu­ma­ni­sa­ti­on tay­lo­ri­en­ne à la sur-huma­ni­sa­ti­on mana­gé­ria­le, Paris: Erès.
    Lordon, Frédéric (2014). Willing slaves of capital: Spinoza and Marx on desire. Verso Trade, 2014.
    Navel, George (1945), Travaux. Paris: Stock (1950 auf Deutsch erschie­nen als „Werktage. Roman eines fran­zö­si­schen Arbeiters, Berlin: Aufbau)

     

    'Travail, salaire, profit' (Arbeit. Lohn, Profit), 2019, France, Gérard Mordillat und Bertrand Rothé

    Danièle Linhart, Soziologin, „Arbeit, Lohn, Profit“ (2019), Filmstil

    Frédéric Lordon, Ökonom und Philosoph, „Arbeit, Lohn, Profit“ (2019), Filmstil

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