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  • Gar­de­ro­biers der Weltbühnen


    Jörg Markowitsch

    Im zweiten Teil seiner Trilogie über Menschen in ungewöhnlichen Berufen, „Secondo Me” (2016), begleitet Pavel Cuzuioc drei Garderobiers an drei europäischen Opernhäusern und holt das Alltägliche vor den Vorhang.

    Als ich vor geraumer Zeit an der Uni­ver­si­tät Tallinn zu tun hatte, es muss kurz nach Estlands EU-Beitritt gewesen sein, war ich fas­zi­niert davon, dass es dort wie im Theater eine Garderobe gab, an der – zumeist ältere Frauen – die Jacken und Mäntel junger Studenten ent­ge­gen­nah­men. Auf der einen Seite war da das Gefühl des Luxus in einem ver­meint­lich ärmeren Land, auf der anderen Seite die unmit­tel­bar sichtbare Ungleich­heit, aber gleich­zei­tig auch die gesell­schaft­li­che Teilhabe der älteren Genera­ti­on und direkten Unter­stüt­zung der jüngeren – es wirkte jeden­falls wie aus der Zeit gefallen.

    Das Pau­sen­ge­spräch der Gar­de­ro­ben­frau und Pen­sio­nis­tin Nadezhda Sokhts­ka­ya mit einer Arbeits­kol­le­gin an ihrem Arbeits­platz im Opernhaus Odessa, doku­men­tiert im Film „Secondo Me” (2016) von Pavel Cuzuioc, hat genau diesen Eindruck in mir wieder wach­ge­ru­fen. Ganz anders hingegen, und doch ver­gleich­bar, weil im selben Beruf, wirken die beiden anderen Prot­ago­nis­ten des Films: Flavio Fornasa in der Garderobe des Teatro La Scala in Mailand und Ronald Zwanziger in jener der Wiener Staatsoper.

    Flavio ist Mitte Fünfzig, hat an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Mailand studiert und ist haupt­be­ruf­lich Sicher­heits­in­spek­tor bei der natio­na­len ita­lie­ni­schen Eisen­bahn­ge­sell­schaft. Die Suche nach einem zusätz­li­chen Teil­zeit­job hat ihn an die Scala geführt, wo er zunächst Sicher­heits­be­auf­trag­ter, dann Billeteur und schließ­lich seit 2003 Gar­de­ro­bier wurde. Ronald, knapp über siebzig, ist pro­mo­vier­ter Indo­ger­ma­nist und war im Haupt­be­ruf Biblio­the­kar an der Haupt­bi­blio­thek der Uni­ver­si­tät Wien, seit drei Dekaden arbeitet er jedoch zusätz­lich abends als Gar­de­ro­bier an der Wiener Staatsoper.

    Der Film begleitet den Alltag der drei Gar­de­ro­biers, ihr Arbeits‑, Freizeit- und Fami­li­en­le­ben, zeigt sie im Fit­ness­cen­ter, im Nagel­stu­dio, beim Besuch einer Del­phin­show mit dem Enkel, beim Schach­spiel mit den Kindern, beim Kochen, Essen und Schwimmen. Was sich auf den Bühnen der Opern­häu­ser abspielt bleibt dabei außen vor und dringt nur gele­gent­lich beim Öffnen der gepols­ter­ten Türen ans Ohr. Die Bühne, die der Film ihnen bietet, gehört aus­schließ­lich den drei Gar­de­ro­biers. Ihre kleinen Logen mit den auf­ge­zo­ge­nen Vorhängen wirken dabei wie eine Minia­tur­aus­ga­be der großen Bühnen dieser Häuser. Die Garderobe als Allegorie der Weltbühne. Flavio, der dabei ist, von seiner Arbeit Abschied zu nehmen, resümiert dann auch als wäre er Direktor des Hauses und nicht Hilfs­kraft: „Insgesamt, wenn ich an meine Zeit an der Scala denke, würde ich überhaupt nichts anders machen […] im Grunde mochte ich es hier, ich war glücklich.“

    Berufe, bei denen es uns schwer fällt sie als Berufung wahr­zu­neh­men, und Menschen, die für uns scheinbar unsicht­bar ihrer Arbeit nachgehen und denen wir im All­ge­mei­nen keine Beachtung schenken, denen gilt die ganze Auf­merk­sam­keit des in Rumänien geborenen und in Wien lebenden Fil­me­ma­chers Pavel Cuzuioc. Seine Hommagen an Berufs- und Lebens­all­tag rücken gesell­schaft­li­che Ungleich­hei­ten ein Stück zurecht und zeigen, dass das ver­meint­lich Große auch im Kleinen, dem Einfachem, steckt, und Ersteres oft auch von Letzterem abhängt.

    Refe­ren­zen:
    Cuzuioc, Pavel (O.D),  SECONDO ME, Pres­se­heft, abgerufen am 5.10.2020

    SECONDO ME, Ein Film von Pavel Cuzuioc, A 2016, 79 Min., DCP, ital./russ./dt. OF mit UT

     

     

     

     

    SECONDO ME, Pavel Cuzuioc, 2016, Österreich, Trailer 

    Nadezhda Sokhatskaya, Odessa Opera House, Filmstill

    Flavio Fornasa – La Scala, Milan. Filmstill

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    Gar­de­ro­biers der Weltbühnen

    Jörg Markowitsch

    Im zweiten Teil seiner Trilogie über Menschen in ungewöhnlichen Berufen, „Secondo Me” (2016), begleitet Pavel Cuzuioc drei Garderobiers an drei europäischen Opernhäusern und holt das Alltägliche vor den Vorhang.

    Als ich vor geraumer Zeit an der Uni­ver­si­tät Tallinn zu tun hatte, es muss kurz nach Estlands EU-Beitritt gewesen sein, war ich fas­zi­niert davon, dass es dort wie im Theater eine Garderobe gab, an der – zumeist ältere Frauen – die Jacken und Mäntel junger Studenten ent­ge­gen­nah­men. Auf der einen Seite war da das Gefühl des Luxus in einem ver­meint­lich ärmeren Land, auf der anderen Seite die unmit­tel­bar sichtbare Ungleich­heit, aber gleich­zei­tig auch die gesell­schaft­li­che Teilhabe der älteren Genera­ti­on und direkten Unter­stüt­zung der jüngeren – es wirkte jeden­falls wie aus der Zeit gefallen.

    Das Pau­sen­ge­spräch der Gar­de­ro­ben­frau und Pen­sio­nis­tin Nadezhda Sokhts­ka­ya mit einer Arbeits­kol­le­gin an ihrem Arbeits­platz im Opernhaus Odessa, doku­men­tiert im Film „Secondo Me” (2016) von Pavel Cuzuioc, hat genau diesen Eindruck in mir wieder wach­ge­ru­fen. Ganz anders hingegen, und doch ver­gleich­bar, weil im selben Beruf, wirken die beiden anderen Prot­ago­nis­ten des Films: Flavio Fornasa in der Garderobe des Teatro La Scala in Mailand und Ronald Zwanziger in jener der Wiener Staatsoper.

    Flavio ist Mitte Fünfzig, hat an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Mailand studiert und ist haupt­be­ruf­lich Sicher­heits­in­spek­tor bei der natio­na­len ita­lie­ni­schen Eisen­bahn­ge­sell­schaft. Die Suche nach einem zusätz­li­chen Teil­zeit­job hat ihn an die Scala geführt, wo er zunächst Sicher­heits­be­auf­trag­ter, dann Billeteur und schließ­lich seit 2003 Gar­de­ro­bier wurde. Ronald, knapp über siebzig, ist pro­mo­vier­ter Indo­ger­ma­nist und war im Haupt­be­ruf Biblio­the­kar an der Haupt­bi­blio­thek der Uni­ver­si­tät Wien, seit drei Dekaden arbeitet er jedoch zusätz­lich abends als Gar­de­ro­bier an der Wiener Staatsoper.

    Der Film begleitet den Alltag der drei Gar­de­ro­biers, ihr Arbeits‑, Freizeit- und Fami­li­en­le­ben, zeigt sie im Fit­ness­cen­ter, im Nagel­stu­dio, beim Besuch einer Del­phin­show mit dem Enkel, beim Schach­spiel mit den Kindern, beim Kochen, Essen und Schwimmen. Was sich auf den Bühnen der Opern­häu­ser abspielt bleibt dabei außen vor und dringt nur gele­gent­lich beim Öffnen der gepols­ter­ten Türen ans Ohr. Die Bühne, die der Film ihnen bietet, gehört aus­schließ­lich den drei Gar­de­ro­biers. Ihre kleinen Logen mit den auf­ge­zo­ge­nen Vorhängen wirken dabei wie eine Minia­tur­aus­ga­be der großen Bühnen dieser Häuser. Die Garderobe als Allegorie der Weltbühne. Flavio, der dabei ist, von seiner Arbeit Abschied zu nehmen, resümiert dann auch als wäre er Direktor des Hauses und nicht Hilfs­kraft: „Insgesamt, wenn ich an meine Zeit an der Scala denke, würde ich überhaupt nichts anders machen […] im Grunde mochte ich es hier, ich war glücklich.“

    Berufe, bei denen es uns schwer fällt sie als Berufung wahr­zu­neh­men, und Menschen, die für uns scheinbar unsicht­bar ihrer Arbeit nachgehen und denen wir im All­ge­mei­nen keine Beachtung schenken, denen gilt die ganze Auf­merk­sam­keit des in Rumänien geborenen und in Wien lebenden Fil­me­ma­chers Pavel Cuzuioc. Seine Hommagen an Berufs- und Lebens­all­tag rücken gesell­schaft­li­che Ungleich­hei­ten ein Stück zurecht und zeigen, dass das ver­meint­lich Große auch im Kleinen, dem Einfachem, steckt, und Ersteres oft auch von Letzterem abhängt.

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    Cuzuioc, Pavel (O.D),  SECONDO ME, Pres­se­heft, abgerufen am 5.10.2020

    SECONDO ME, Ein Film von Pavel Cuzuioc, A 2016, 79 Min., DCP, ital./russ./dt. OF mit UT

     

     

     

     

    SECONDO ME, Pavel Cuzuioc, 2016, Österreich, Trailer

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    Flavio Fornasa – La Scala, Milan. Filmstill

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    Über diesen Blog

    Mit der Auswahl eines Films oder eines Bildes ver­an­schau­licht dieser Blog buch­stäb­lich das weite Feld der Arbeit, Beschäf­ti­gung und Bildung in einer offenen Sammlung aka­de­mi­scher, künst­le­ri­scher und auch anek­do­ti­scher Erkenntnisse.

    Über uns

    Konrad Wakol­bin­ger dreht Doku­men­tar­fil­me über Arbeit und Leben. Jörg Mar­ko­witsch forscht zu Bildung und Arbeit.  Beide leben in Wien. Infor­ma­tio­nen zu Gast­au­toren und ‑autorin­nen finden sich bei ihren jewei­li­gen Beiträgen

    Über uns hinaus

    Interesse an mehr? Wir haben hier Emp­feh­lun­gen zu ein­schlä­gi­gen Festivals, Film­samm­lun­gen und Literatur zusammengestellt.

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