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  • Effi­ci­en­cy kills


    Konrad Wakolbinger

    Der 2017 verstorbene US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler William J. Baumol fand heraus, warum das Effizienzprinzip den Dienstleistungssektor kaputt macht – und letztlich Covid-Todesopfer mitverantwortet.

    Mitten in der Covid-Pandemie gelten unser kol­lek­ti­ves Hoffen und Bangen der Leis­tungs­fä­hig­keit unseres Gesund­heits­sys­tems. Dass schwer erkrank­ten Ange­hö­ri­gen die medi­zi­nisch indi­zier­te Behand­lung aus Kapa­zi­täts­grün­den ver­wei­gert wird, ist für jeden von uns eine Horrorvorstellung.

    In der 2014 von der ARD aus­ge­strahl­ten Reportage „Die Kran­ken­fa­brik“ erleben wir ein unge­nann­tes Kran­ken­haus in Deutsch­land am Limit der Leistungsfähigkeit.

    Das lässt den Schluss zu, dass die aktuelle Covid-19-Pandemie auf ein bereits geschwäch­tes Gesund­heits­sys­tem trifft. Der Grund dafür ist evident: die seit Jahr­zehn­ten zuneh­men­de Öko­no­mi­sie­rung der Daseins­vor­sor­ge. Gemäß­be­triebs­wirt­schaft­li­cher Dogmatik wird den stark stei­gen­den Kosten in diesem Bereich mit Ein­spa­rungs­pro­gram­men begegnet, die als Maßnahmen zur Effi­zi­enz­stei­ge­rung “verkauft” werden. William Baumol zeigt mit seiner, Baumol’schen Kos­ten­krank­heit getauften, Theorie, aber, dass den Apo­lo­ge­ten von Opti­mie­rung und Effizienz der ent­schei­den­de Unter­schied zwischen Waren­pro­duk­ti­on und Dienst­leis­tung entgangen ist.

    Die Effi­zi­enz­stei­ge­rung in der Waren­pro­duk­ti­on wird durch tech­ni­sche Inno­va­ti­on erreicht. Mehr Güter können dadurch in der gleichen (oder kürzerer) Zeit her­ge­stellt werden. Oftmals werden auch weniger Menschen dafür benötigt, was die Kosten weiter dämpft. Dieser Mecha­nis­mus ist bei der Bereit­stel­lung von Dienst­leis­tun­gen nur ein­ge­schränkt wirksam, weil nicht Maschinen, sondern Menschen den Hauptteil der Leistung erbringen. Obwohl eine Friseurin, eine Kran­ken­pfle­ge­rin oder ein Mecha­ni­ker nach einem anderen Prinzip arbeitet, wird ihnen dennoch die Logik der Waren­pro­duk­ti­on über­ge­stülpt. Die Folge sind Arbeits­ver­dich­tung, weniger Personal, sinkende Löhne und, ganz wesent­lich, wenn ein bestimm­ter Punkt über­schrit­ten wird, ein man­gel­haf­tes “Produkt” für den Leistungsempfänger.

    William Baumol hat ein ein­gän­gi­ges Bild dafür geprägt. Er fragt uns, wie kann man ein Streich­quar­tett oder ein Sym­pho­nie­or­ches­ter effi­zi­en­ter machen? Nun, indem es die Auf­füh­rung mit weniger Musikern bestrei­tet, oder die Musiker spielen schneller. Iro­ni­scher­wei­se haben wir in Öster­reich zwei Jahre lang das Real­ex­pe­ri­ment dazu durch­ge­führt. Beim ewig klammen Bun­des­heer wurden den Mili­tär­mu­sik­ka­pel­len die Hälfte der Musiker gestri­chen. Hierbei wurden die Zuhörer nur mit einem ver­stüm­mel­ten Radetz­ky­marsch gequält, aber im Gesund­heits­be­reich erreicht der von William Baumol auf­ge­zeig­te “Irrtum” eine exis­ten­zi­el­le Dimension.

     

    Refe­ren­zen:

    Interview mit William J. Baumol – New York Times –Seite 216 ff https://graphics8.nytimes.com/packages/pdf/health/18baumol-doc.pdf

    Nachruf auf William J. Baumol – New York Times https://www.nytimes.com/2017/05/10/business/economy/william-baumol-dead-economist-coined-cost-disease.html

     

     

    Die Krankenfabrik – Patienten in Not, Schwestern am Limit Regie: Sylvia Nagel, Thomas Reutter Reportage ARD 2014 

    Cost Disease and Emergency Medizine 

    Simon Bolivar Youth Orchestra @ Oslo

    Simon Bolivar Youth Orchestra @ Oslo

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    Effi­ci­en­cy kills

    Konrad Wakolbinger

    Der 2017 verstorbene US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler William J. Baumol fand heraus, warum das Effizienzprinzip den Dienstleistungssektor kaputt macht – und letztlich Covid-Todesopfer mitverantwortet.

    Mitten in der Covid-Pandemie gelten unser kol­lek­ti­ves Hoffen und Bangen der Leis­tungs­fä­hig­keit unseres Gesund­heits­sys­tems. Dass schwer erkrank­ten Ange­hö­ri­gen die medi­zi­nisch indi­zier­te Behand­lung aus Kapa­zi­täts­grün­den ver­wei­gert wird, ist für jeden von uns eine Horrorvorstellung.

    In der 2014 von der ARD aus­ge­strahl­ten Reportage „Die Kran­ken­fa­brik“ erleben wir ein unge­nann­tes Kran­ken­haus in Deutsch­land am Limit der Leistungsfähigkeit.

    Das lässt den Schluss zu, dass die aktuelle Covid-19-Pandemie auf ein bereits geschwäch­tes Gesund­heits­sys­tem trifft. Der Grund dafür ist evident: die seit Jahr­zehn­ten zuneh­men­de Öko­no­mi­sie­rung der Daseins­vor­sor­ge. Gemäß­be­triebs­wirt­schaft­li­cher Dogmatik wird den stark stei­gen­den Kosten in diesem Bereich mit Ein­spa­rungs­pro­gram­men begegnet, die als Maßnahmen zur Effi­zi­enz­stei­ge­rung “verkauft” werden. William Baumol zeigt mit seiner, Baumol’schen Kos­ten­krank­heit getauften, Theorie, aber, dass den Apo­lo­ge­ten von Opti­mie­rung und Effizienz der ent­schei­den­de Unter­schied zwischen Waren­pro­duk­ti­on und Dienst­leis­tung entgangen ist.

    Die Effi­zi­enz­stei­ge­rung in der Waren­pro­duk­ti­on wird durch tech­ni­sche Inno­va­ti­on erreicht. Mehr Güter können dadurch in der gleichen (oder kürzerer) Zeit her­ge­stellt werden. Oftmals werden auch weniger Menschen dafür benötigt, was die Kosten weiter dämpft. Dieser Mecha­nis­mus ist bei der Bereit­stel­lung von Dienst­leis­tun­gen nur ein­ge­schränkt wirksam, weil nicht Maschinen, sondern Menschen den Hauptteil der Leistung erbringen. Obwohl eine Friseurin, eine Kran­ken­pfle­ge­rin oder ein Mecha­ni­ker nach einem anderen Prinzip arbeitet, wird ihnen dennoch die Logik der Waren­pro­duk­ti­on über­ge­stülpt. Die Folge sind Arbeits­ver­dich­tung, weniger Personal, sinkende Löhne und, ganz wesent­lich, wenn ein bestimm­ter Punkt über­schrit­ten wird, ein man­gel­haf­tes “Produkt” für den Leistungsempfänger.

    William Baumol hat ein ein­gän­gi­ges Bild dafür geprägt. Er fragt uns, wie kann man ein Streich­quar­tett oder ein Sym­pho­nie­or­ches­ter effi­zi­en­ter machen? Nun, indem es die Auf­füh­rung mit weniger Musikern bestrei­tet, oder die Musiker spielen schneller. Iro­ni­scher­wei­se haben wir in Öster­reich zwei Jahre lang das Real­ex­pe­ri­ment dazu durch­ge­führt. Beim ewig klammen Bun­des­heer wurden den Mili­tär­mu­sik­ka­pel­len die Hälfte der Musiker gestri­chen. Hierbei wurden die Zuhörer nur mit einem ver­stüm­mel­ten Radetz­ky­marsch gequält, aber im Gesund­heits­be­reich erreicht der von William Baumol auf­ge­zeig­te “Irrtum” eine exis­ten­zi­el­le Dimension.

     

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    Interview mit William J. Baumol – New York Times –Seite 216 ff https://graphics8.nytimes.com/packages/pdf/health/18baumol-doc.pdf

    Nachruf auf William J. Baumol – New York Times https://www.nytimes.com/2017/05/10/business/economy/william-baumol-dead-economist-coined-cost-disease.html

     

     

    Die Krankenfabrik – Patienten in Not, Schwestern am Limit Regie: Sylvia Nagel, Thomas Reutter Reportage ARD 2014

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    Über diesen Blog

    Mit der Auswahl eines Films oder eines Bildes ver­an­schau­licht dieser Blog buch­stäb­lich das weite Feld der Arbeit, Beschäf­ti­gung und Bildung in einer offenen Sammlung aka­de­mi­scher, künst­le­ri­scher und auch anek­do­ti­scher Erkenntnisse.

    Über uns

    Konrad Wakol­bin­ger dreht Doku­men­tar­fil­me über Arbeit und Leben. Jörg Mar­ko­witsch forscht zu Bildung und Arbeit.  Beide leben in Wien. Infor­ma­tio­nen zu Gast­au­toren und ‑autorin­nen finden sich bei ihren jewei­li­gen Beiträgen

    Über uns hinaus

    Interesse an mehr? Wir haben hier Emp­feh­lun­gen zu ein­schlä­gi­gen Festivals, Film­samm­lun­gen und Literatur zusammengestellt.

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