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  • The App is the Boss


    Konrad Wakolbinger

    Was bleibt vom großen Versprechen der Gig-Economy: Freiheit durch Autonomie.

    “Mit dem Fokus auf Sport­lich­keit und indi­vi­du­el­le Leistung und mit Teamgeist und Radkultur…”, so warb Foodora um Studenten als neue Fahr­rad­bo­ten. Wir Nutzer von platt­form­ba­sier­ten Essens­zu­stell­diens­ten wissen kaum etwas von der Arbeits­rea­li­tät der Rider genannten Zustel­le­rIn­nen. Eine For­scher­grup­pe aus Sozio­lo­gen und Juristen hat sich die Situation der Rider von Foodora (mitt­ler­wei­le Mjam) und Deliveroo (mitt­ler­wei­le ein­ge­stellt) in Berlin näher angesehen. Die Unter­su­chung fokus­siert auf das Span­nungs­feld Autonomie vs. Kontrolle bzw. Steuerung der Fahr­rad­bo­ten und fragt in ihrem Titel: “The App as a Boss?”. Betrach­tet man die Ergeb­nis­se der Studie, dann gibt es gute Gründe diese Frage zu bejahen.

    Anders als man glauben könnte, haben die Rider durchaus einiges an Ent­schei­dungs­frei­heit. Sie können die Zustell­rou­te frei wählen, es gibt keine Zeit­vor­ga­be für die Erfüllung des Auftrags und wenn sie als freie Dienst­neh­mer arbeiten, haben sie das Recht Jobs abzu­leh­nen. Aber über die Funk­tio­na­li­tät der Apps haben die Platt­for­men ver­schie­de­ne Instru­men­te, welche die Fahr­rad­bo­ten zu einem dem Unter­neh­men zunehmend nütz­li­chen Verhalten kon­di­tio­nie­ren. Dafür werden Nudging-Tools mit Gami­fi­ca­ti­on-Elementen verbunden. Vor­aus­set­zung ist die totale Infor­ma­ti­ons­asym­me­trie. Die Apps sammeln Daten von und über die Boten und opti­mie­ren so die Steue­rungs­fea­tures. Hingegen sind die Arbeiter auf den Fahr­rä­dern von­ein­an­der weit­ge­hend isoliert und die Funk­ti­ons­wei­se der Apps ist für sie eine Black-Box. Rationale Ent­schei­dungs­fin­dung ist für sie nicht möglich. Denn, wenn überhaupt, sind sie nur marginal darüber infor­miert welche Input-Variablen zu welchem Ergebnis führen und wie die Variablen gewichtet sind. Bezeich­nend ist etwa, dass sich die Deliveroo-Zusteller für einen Auftrag ent­schei­den müssen, ohne die Adresse des Kunden zu kennen.

    Das stärkste Steue­rungs­fea­ture der Platt­for­men ist zwei­fel­los die Beein­flus­sung des Ver­diens­tes. Erstens über ein Bonus­sys­tem und zweitens durch das leis­tungs­ba­sier­te Prozedere der Schicht­wahl für das nächste Monat. Das System, welches Wohl­ver­hal­ten belohnt, ermittelt eine Rangfolge der Rider. Die “High-Performer” dürfen als erste wählen und tragen sich in die besten Slots ein, für die “Mäßig-Performer” bleibt der beinahe wertlose Rest. Lei­den­schaft­li­che Fahr­rad­fah­rer unter den Boten messen sich auf der Sport-App ‚Strava’ und treiben sich so Höchst­leis­tun­gen. Die Platt­for­men gene­rie­ren damit einen “Kol­la­te­ral­nut­zen”.

    Die Erkennt­nis­se von “The App as a Boss?” legen nahe, dass die Fahrrad-Arbeiter mehr gefühlt als tat­säch­lich autonom sind. Freiheit als das zentrale Ver­spre­chen der Gig-Economy ist ein zwei­schnei­di­ges Schwert.

     

    Referenz:
    Foodora and Delivero: The App as a Boss?
    Control and Autonomy in App-Based Manage­ment — The Case of Food Delivery Riders
    Mirela Ivanova, Joanna Bro­no­wi­cka, Eva Kocher and Anne Degner

    What it's like to be a food delivery rider The Straits Times Singapore, John Lui 

    I Worked a Job At Deliveroo for a Week & Made £___ by Ben Morris 

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    The App is the Boss

    Konrad Wakolbinger

    Was bleibt vom großen Versprechen der Gig-Economy: Freiheit durch Autonomie.

    “Mit dem Fokus auf Sport­lich­keit und indi­vi­du­el­le Leistung und mit Teamgeist und Radkultur…”, so warb Foodora um Studenten als neue Fahr­rad­bo­ten. Wir Nutzer von platt­form­ba­sier­ten Essens­zu­stell­diens­ten wissen kaum etwas von der Arbeits­rea­li­tät der Rider genannten Zustel­le­rIn­nen. Eine For­scher­grup­pe aus Sozio­lo­gen und Juristen hat sich die Situation der Rider von Foodora (mitt­ler­wei­le Mjam) und Deliveroo (mitt­ler­wei­le ein­ge­stellt) in Berlin näher angesehen. Die Unter­su­chung fokus­siert auf das Span­nungs­feld Autonomie vs. Kontrolle bzw. Steuerung der Fahr­rad­bo­ten und fragt in ihrem Titel: “The App as a Boss?”. Betrach­tet man die Ergeb­nis­se der Studie, dann gibt es gute Gründe diese Frage zu bejahen.

    Anders als man glauben könnte, haben die Rider durchaus einiges an Ent­schei­dungs­frei­heit. Sie können die Zustell­rou­te frei wählen, es gibt keine Zeit­vor­ga­be für die Erfüllung des Auftrags und wenn sie als freie Dienst­neh­mer arbeiten, haben sie das Recht Jobs abzu­leh­nen. Aber über die Funk­tio­na­li­tät der Apps haben die Platt­for­men ver­schie­de­ne Instru­men­te, welche die Fahr­rad­bo­ten zu einem dem Unter­neh­men zunehmend nütz­li­chen Verhalten kon­di­tio­nie­ren. Dafür werden Nudging-Tools mit Gami­fi­ca­ti­on-Elementen verbunden. Vor­aus­set­zung ist die totale Infor­ma­ti­ons­asym­me­trie. Die Apps sammeln Daten von und über die Boten und opti­mie­ren so die Steue­rungs­fea­tures. Hingegen sind die Arbeiter auf den Fahr­rä­dern von­ein­an­der weit­ge­hend isoliert und die Funk­ti­ons­wei­se der Apps ist für sie eine Black-Box. Rationale Ent­schei­dungs­fin­dung ist für sie nicht möglich. Denn, wenn überhaupt, sind sie nur marginal darüber infor­miert welche Input-Variablen zu welchem Ergebnis führen und wie die Variablen gewichtet sind. Bezeich­nend ist etwa, dass sich die Deliveroo-Zusteller für einen Auftrag ent­schei­den müssen, ohne die Adresse des Kunden zu kennen.

    Das stärkste Steue­rungs­fea­ture der Platt­for­men ist zwei­fel­los die Beein­flus­sung des Ver­diens­tes. Erstens über ein Bonus­sys­tem und zweitens durch das leis­tungs­ba­sier­te Prozedere der Schicht­wahl für das nächste Monat. Das System, welches Wohl­ver­hal­ten belohnt, ermittelt eine Rangfolge der Rider. Die “High-Performer” dürfen als erste wählen und tragen sich in die besten Slots ein, für die “Mäßig-Performer” bleibt der beinahe wertlose Rest. Lei­den­schaft­li­che Fahr­rad­fah­rer unter den Boten messen sich auf der Sport-App ‚Strava’ und treiben sich so Höchst­leis­tun­gen. Die Platt­for­men gene­rie­ren damit einen “Kol­la­te­ral­nut­zen”.

    Die Erkennt­nis­se von “The App as a Boss?” legen nahe, dass die Fahrrad-Arbeiter mehr gefühlt als tat­säch­lich autonom sind. Freiheit als das zentrale Ver­spre­chen der Gig-Economy ist ein zwei­schnei­di­ges Schwert.

     

    Referenz:
    Foodora and Delivero: The App as a Boss?
    Control and Autonomy in App-Based Manage­ment — The Case of Food Delivery Riders
    Mirela Ivanova, Joanna Bro­no­wi­cka, Eva Kocher and Anne Degner

    What it's like to be a food delivery rider The Straits Times Singapore, John Lui

    I Worked a Job At Deliveroo for a Week & Made £___ by Ben Morris

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    Über diesen Blog

    Mit der Auswahl eines Films oder eines Bildes ver­an­schau­licht dieser Blog buch­stäb­lich das weite Feld der Arbeit, Beschäf­ti­gung und Bildung in einer offenen Sammlung aka­de­mi­scher, künst­le­ri­scher und auch anek­do­ti­scher Erkenntnisse.

    Über uns

    Konrad Wakol­bin­ger dreht Doku­men­tar­fil­me über Arbeit und Leben. Jörg Mar­ko­witsch forscht zu Bildung und Arbeit.  Beide leben in Wien. Infor­ma­tio­nen zu Gast­au­toren und ‑autorin­nen finden sich bei ihren jewei­li­gen Beiträgen

    Über uns hinaus

    Interesse an mehr? Wir haben hier Emp­feh­lun­gen zu ein­schlä­gi­gen Festivals, Film­samm­lun­gen und Literatur zusammengestellt.

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