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  • Super­kräf­te im Job


    Jörg Markowitsch

    Was tun mit übermenschlichen Fähigkeiten im Job? Die bekannten Superhelden geben dazu wenig Auskunft. Ein Troll in einem der außergewöhnlichsten schwedischen Filme der letzten Jahre (Border, 2018) umso mehr.

    Super­hel­den, egal ob aus dem Hause Marvel, Disney oder DC Comics, haben in der Regel alle auch einen Beruf. Clark Kent (Superman) ist Reporter, Peter Parker (Spiderman) ist Fotograf, Diana Prince (Wonder Woman) ist Kran­ken­schwes­ter bzw. Archäo­lo­gin und Bruce Wayne (Batman) ist nebenbei oder im Haupt­be­ruf, wie immer man es sehen möchte, Vor­stands­vor­sit­zen­der. Die unge­schrie­be­nen Gesetze zur Auf­recht­erhal­tung der Super­hel­den-Par­al­lel­uni­ver­sen verbieten jedoch, dass sie ihre Kräfte auch in ihrem eigent­li­chen Job einsetzen. Sehr zu unser aller Nachteil, denn visionäre Ideen zur Berufs- und Arbeits­welt bleiben damit auf der Strecke.

    Alleine die Vor­stel­lung, da könnte jemand mit Super­kräf­ten aus­ge­stat­tet im Job-Center vor­spre­chen oder ein Bewer­bungs­ge­spräch absol­vie­ren, dürfte Arbeits­ver­mitt­lun­gen wie Per­so­nal­ab­tei­lun­gen vor inter­es­san­te Her­aus­for­de­run­gen stellen. Wie sähe eine Arbeits­welt aus, in der einige wenige über­mensch­li­che Fähig­kei­ten hätten? Wie ginge es ihnen in ihrem Job?

    Bei all ihrem sonstigen Ein­falls­reich­tum sind die US-Comics und US-Block­bus­ter in dieser Frage unge­wöhn­lich phan­ta­sie­arm. Umso mehr fällt es auf, wenn ein solcher Umstand dann doch in Szene gesetzt wird. So etwa in dem schwe­di­schen Fantasy-Lie­bes­dra­ma „Border“ (2018) von Ali Abbasi.

    Die Haupt­fi­gur des Films, Tina (Eva Melander, groß­ar­ti­ges Schau­spiel in einer groß­ar­ti­gen Maske), arbeitet beim Zoll und kon­trol­liert Fährpassagier:innen bei der Einreise nach Schweden. Sie hat einen unheim­lich guten Riecher für Menschen, die Angst haben, Scham oder Schuld spüren. Diese erkennt sie sofort und unter­bin­det jeglichen Schmuggel. Meist kon­fis­ziert sie Alkohol. Aber einmal erschnüf­felt sie den Besitzer einer Spei­cher­kar­te mit Kin­der­por­no­gra­fie. Mit ihrer beson­de­ren Gabe hilft sie im weiteren Verlauf der Ermitt­lun­gen der Polizei bei den Nach­for­schun­gen in dem Miss­brauchs­fall. Dass es sich bei Tina um eine sehr, sehr spezielle Außen­sei­te­rin handelt, ist aufgrund ihres unge­wöhn­li­chen Äußeren von Anfang an offen­kun­dig. Nachdem sich im Verlauf des Films her­aus­stellt (Achtung Spoiler), dass sie ein Troll, und noch dazu ein männ­li­cher, ist, ver­voll­stän­digt sich das Bild der Figur: Queer humanoide Zollbeamt:in mit Superkräften.

    Die Schweden schickten den Film ins Rennen um den Oscar für den „Besten fremd­spra­chi­gen Film“ und er wurde als bester Film für den Euro­päi­schen Filmpreis nominiert. Meines Erachtens ist Border der beste schwe­di­sche Film seit „So finster die Nacht” aus dem Jahr 2008, der mit Preisen überhäuft wurde. Beide Filme stammen aus der Feder des schwe­di­schen Schrift­stel­lers John Erik Ajvide Lindqvist und haben folglich so einiges gemein. Sie por­trä­tie­ren Außenseiter:innen, verbinden Elemente von Fantasy bzw. Horror mit sozialem Realismus und erweitern auf diese Weise gehörig unseren Horizont.

    Die Vor­stel­lung des Über­mensch­li­chen rückt in seinen Erzäh­lun­gen an all­täg­li­che Orte vor und lässt uns das Anders­sein neu über­den­ken. Im Fall von „So finster die Nacht” ist dies etwa der Blick auf die Ein­sam­keit und den täglichen Über­le­bens­kampf eines 12-jährigen Mädchens in einem Stock­hol­mer Gemein­de­bau, die in Wahrheit ein Vampir mit Blut­kon­ser­ven im Kühl­schrank ist.

    Beide Filme hin­ter­fra­gen auf über­ra­schen­de und kluge Weise Geschlechts­iden­ti­tä­ten. Der Film „Border“ wirft jedoch zusätz­lich die Frage nach der Bedeutung und den Kon­se­quen­zen von Alterität in Berufs- und Arbeits­welt auf.

    Border (Trailer), Ali Abbasi, 2008 

    Border, 2018, Filmstill

    Border, 2018, Filmstill

    Eva Melande in Border, 2018, Filmstill

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    Super­kräf­te im Job

    Jörg Markowitsch

    Was tun mit übermenschlichen Fähigkeiten im Job? Die bekannten Superhelden geben dazu wenig Auskunft. Ein Troll in einem der außergewöhnlichsten schwedischen Filme der letzten Jahre (Border, 2018) umso mehr.

    Super­hel­den, egal ob aus dem Hause Marvel, Disney oder DC Comics, haben in der Regel alle auch einen Beruf. Clark Kent (Superman) ist Reporter, Peter Parker (Spiderman) ist Fotograf, Diana Prince (Wonder Woman) ist Kran­ken­schwes­ter bzw. Archäo­lo­gin und Bruce Wayne (Batman) ist nebenbei oder im Haupt­be­ruf, wie immer man es sehen möchte, Vor­stands­vor­sit­zen­der. Die unge­schrie­be­nen Gesetze zur Auf­recht­erhal­tung der Super­hel­den-Par­al­lel­uni­ver­sen verbieten jedoch, dass sie ihre Kräfte auch in ihrem eigent­li­chen Job einsetzen. Sehr zu unser aller Nachteil, denn visionäre Ideen zur Berufs- und Arbeits­welt bleiben damit auf der Strecke.

    Alleine die Vor­stel­lung, da könnte jemand mit Super­kräf­ten aus­ge­stat­tet im Job-Center vor­spre­chen oder ein Bewer­bungs­ge­spräch absol­vie­ren, dürfte Arbeits­ver­mitt­lun­gen wie Per­so­nal­ab­tei­lun­gen vor inter­es­san­te Her­aus­for­de­run­gen stellen. Wie sähe eine Arbeits­welt aus, in der einige wenige über­mensch­li­che Fähig­kei­ten hätten? Wie ginge es ihnen in ihrem Job?

    Bei all ihrem sonstigen Ein­falls­reich­tum sind die US-Comics und US-Block­bus­ter in dieser Frage unge­wöhn­lich phan­ta­sie­arm. Umso mehr fällt es auf, wenn ein solcher Umstand dann doch in Szene gesetzt wird. So etwa in dem schwe­di­schen Fantasy-Lie­bes­dra­ma „Border“ (2018) von Ali Abbasi.

    Die Haupt­fi­gur des Films, Tina (Eva Melander, groß­ar­ti­ges Schau­spiel in einer groß­ar­ti­gen Maske), arbeitet beim Zoll und kon­trol­liert Fährpassagier:innen bei der Einreise nach Schweden. Sie hat einen unheim­lich guten Riecher für Menschen, die Angst haben, Scham oder Schuld spüren. Diese erkennt sie sofort und unter­bin­det jeglichen Schmuggel. Meist kon­fis­ziert sie Alkohol. Aber einmal erschnüf­felt sie den Besitzer einer Spei­cher­kar­te mit Kin­der­por­no­gra­fie. Mit ihrer beson­de­ren Gabe hilft sie im weiteren Verlauf der Ermitt­lun­gen der Polizei bei den Nach­for­schun­gen in dem Miss­brauchs­fall. Dass es sich bei Tina um eine sehr, sehr spezielle Außen­sei­te­rin handelt, ist aufgrund ihres unge­wöhn­li­chen Äußeren von Anfang an offen­kun­dig. Nachdem sich im Verlauf des Films her­aus­stellt (Achtung Spoiler), dass sie ein Troll, und noch dazu ein männ­li­cher, ist, ver­voll­stän­digt sich das Bild der Figur: Queer humanoide Zollbeamt:in mit Superkräften.

    Die Schweden schickten den Film ins Rennen um den Oscar für den „Besten fremd­spra­chi­gen Film“ und er wurde als bester Film für den Euro­päi­schen Filmpreis nominiert. Meines Erachtens ist Border der beste schwe­di­sche Film seit „So finster die Nacht” aus dem Jahr 2008, der mit Preisen überhäuft wurde. Beide Filme stammen aus der Feder des schwe­di­schen Schrift­stel­lers John Erik Ajvide Lindqvist und haben folglich so einiges gemein. Sie por­trä­tie­ren Außenseiter:innen, verbinden Elemente von Fantasy bzw. Horror mit sozialem Realismus und erweitern auf diese Weise gehörig unseren Horizont.

    Die Vor­stel­lung des Über­mensch­li­chen rückt in seinen Erzäh­lun­gen an all­täg­li­che Orte vor und lässt uns das Anders­sein neu über­den­ken. Im Fall von „So finster die Nacht” ist dies etwa der Blick auf die Ein­sam­keit und den täglichen Über­le­bens­kampf eines 12-jährigen Mädchens in einem Stock­hol­mer Gemein­de­bau, die in Wahrheit ein Vampir mit Blut­kon­ser­ven im Kühl­schrank ist.

    Beide Filme hin­ter­fra­gen auf über­ra­schen­de und kluge Weise Geschlechts­iden­ti­tä­ten. Der Film „Border“ wirft jedoch zusätz­lich die Frage nach der Bedeutung und den Kon­se­quen­zen von Alterität in Berufs- und Arbeits­welt auf.

    Border (Trailer), Ali Abbasi, 2008

    Border, 2018, Filmstill

    Border, 2018, Filmstill

    Eva Melande in Border, 2018, Filmstill

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    Über diesen Blog

    Mit der Auswahl eines Films oder eines Bildes ver­an­schau­licht dieser Blog buch­stäb­lich das weite Feld der Arbeit, Beschäf­ti­gung und Bildung in einer offenen Sammlung aka­de­mi­scher, künst­le­ri­scher und auch anek­do­ti­scher Erkenntnisse.

    Über uns

    Konrad Wakol­bin­ger dreht Doku­men­tar­fil­me über Arbeit und Leben. Jörg Mar­ko­witsch forscht zu Bildung und Arbeit.  Beide leben in Wien. Infor­ma­tio­nen zu Gast­au­toren und ‑autorin­nen finden sich bei ihren jewei­li­gen Beiträgen

    Über uns hinaus

    Interesse an mehr? Wir haben hier Emp­feh­lun­gen zu ein­schlä­gi­gen Festivals, Film­samm­lun­gen und Literatur zusammengestellt.

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