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  • Observations on Work, Employment & Education

    Jörg Markowitsch

    Zukunft der Arbeit: Science und Science-Fiction

    Zukunftsforschung hat sich längst als Wissenschaftsdisziplin etabliert. Weshalb die Forschung sich nicht scheuen sollte, Anleihen bei Science-Fiction Filmen zu nehmen, wird bei der britischen Miniserie „Years and Years“ (2019) von Russell T. Davies deutlich.

    In den ver­gan­ge­nen Jahren war ich beruflich selten im Jetzt. For­schungs­pro­jek­te, die ich zuletzt betreute, blickten abwech­selnd in die Ver­gan­gen­heit und in die Zukunft. Die Zukunft der Arbeit und der Bildung. Gemeinsam mit einem über ganz Europa ver­streu­ten For­schungs­team und diversen Inter­es­sens­grup­pen haben wir etwa Szenarien für die Ent­wick­lung der Berufs­bil­dung bis zum Jahre 2035 erar­bei­tet (Mar­ko­witsch, Grollmann & Bjørnå­vold 2020, Cedefop 2020).

    Szenarien fungieren dabei als plausible und relevante Geschich­ten einer ima­gi­nier­ten Zukunft. In der wis­sen­schafts­ba­sier­ten Poli­tik­be­ra­tung ist die Szenario-Methode eine Art Kom­pro­miss zwischen Wis­sen­schaft und Science-Fiction. Neben wis­sen­schaft­li­cher Strenge erfordert die Methode ein gehöriges Maß an Krea­ti­vi­tät und Phantasie. In diesem Sinne sind Szenarien in der Sozi­al­for­schung jenen im Film oder Comic, wo sie ja immer schon eine wichtige Rolle im Pro­duk­ti­ons­pro­zess hatten, sehr ähnlich.

    Dass sich die Zukunfts­for­schung selbst mit Science-Fiction Filmen beschäf­tigt, ist an sich eher die Ausnahme. Kürzlich hat jedoch ein junger ita­lie­ni­scher Zukunfts­for­scher, Ales­san­dro Fergnani, gemeinsam mit seinem Dok­tor­va­ter Zhaoli Song von der National Uni­ver­si­ty of Singapore eine Analyse von 140 Science-Fiction-Filmen vorgelegt, und ihre Erkennt­nis­se daraus auf mögliche künftige Aus­wir­kun­gen der COVID-19-Krise angewandt (Fergnani  & Song 2020, siehe auch Fergnanis  youtube channel). Immerhin wissen wir jetzt, dass die ver­schie­de­nen Szenarien im Science-Fiction Film, von Metro­po­lis über Blade Runner bis hin zu Hunger Games, stets auf dieselben sechs Zukunfts-Arche­ty­pen zurück­grei­fen und in der Regel 300 Jahre in der Zukunft liegen. In Hinblick auf gegen­wär­ti­ge poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen ist dies dann doch recht weit weg.

    Sehr viel hand­fes­ter und brauch­ba­rer für meine Arbeit fand ich hingegen die britische Drama-Fern­seh­se­rie “Years and Years” (2019) von Russell T. Davies. Sie beginnt in der Gegenwart und liefert eine Fiktion der kommenden 15 Jahren, umspannt also zufällig denselben Zeit­ho­ri­zont wie unsere Berufsbildungs-Szenarien.

    Die Serie folgt einer durch­schnitt­li­chen bri­ti­schen Familie, den Lyons, sowie dem kome­ten­haf­ten Aufstieg einer natio­na­lis­ti­schen Poli­ti­ke­rin (gespielt von der zwei­fa­chen Oscar-Preis­trä­ge­rin Emma Thompson) im Ver­ei­nig­ten König­reich unmit­tel­bar nach der Wie­der­wahl Trumps. Im Verlauf der Jahre erleben wir eine Ver­schär­fung der Flücht­lings­si­tua­ti­on, eine weitere Finanz­kri­se, eine Affen­grip­pe-Pandemie, den „Grexit“, einen extremen Linksruck in Spanien, einen US-Atom­schlag auf eine künst­li­che chi­ne­si­sche Insel sowie die Ver­schmel­zung Mensch und Maschine, die zu einer eigenen Bewegung wird (“Ich bin trans­hu­man, nicht transsexuell!”).

    Die Serie liefert gran­dio­ses Material für die Zukunfts­for­schung, inhalt­lich wie metho­disch. Als Zuschauer:innen werden wir nicht in eine ferne Zukunft geworfen, sondern erkennen wie Ent­schei­dung und Ereig­nis­se von heute, das Morgen beein­flus­sen. Sie ver­an­schau­licht damit, was die Sozi­al­wis­sen­schaft „Pfad­ab­hän­gig­keit“ nennt. Die Haupt­fi­gu­ren sind keine Helden oder Heldinnen, die den Lauf der Geschich­te verändern, sondern eine gewöhn­li­che britische Patchwork-Familie. Damit können wir sehen und fühlen, was die Zukunft für unser eigenes Leben bereit­hal­ten könnte. Außerdem wird von Anfang an deutlich, dass die Zukunft auch eine andere Richtung hätte nehmen können (Trump hat die Wie­der­wahl bekannt­lich verloren). Schließ­lich, und das ist viel­leicht der inter­es­san­tes­te Aspekt, die Lyons bleiben die Lyons. Trotz der diversen poli­ti­schen und per­sön­li­chen Krisen bleibt die Struktur der Mehr­ge­nera­tio­nen­fa­mi­lie weit­ge­hend stabil. Auch das ein wichtiger Hinweis für die Szenarien-Ent­wick­lung in der Sozi­al­for­schung: Welche Struk­tu­ren verändern sich rasch, welche nur all­mäh­lich? Oder, wie HBO die Serie ankündigt: „As society changes at an ever-incre­a­sing pace, the Lyons family expe­ri­en­ces ever­ything we hope for in the future, and ever­ything we fear.“

    Sowohl die Arche­ty­pen von Fergnani als auch „Years and Years“ ver­an­schau­li­chen das Potenzial, das für die Soft Sciences in einer Öffnung für andere (nicht-wis­sen­schaft­li­che) Formen der Wis­sens­ge­ne­rie­rung und Reflexion von Praktiken, sprich der Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät, steckt.

    Dank an Philipp Grollmann, ohne den der Artikel wohl nicht zustande gekommen wäre.

    Refe­ren­zen:
    Cedefop. (2020). Vocational education and training in Europe 1995–2035. Scenarios for European voca­tio­nal education and training in the 21st century. Luxem­bourg: Publi­ca­ti­ons Office of the European Union.
    Fergnani, A., & Song, Z. (2020). The six scenario arche­ty­pes framework: A sys­te­ma­tic inves­ti­ga­ti­on of science fiction films set in the future. Futures, 124, 102645..
    Mar­ko­witsch, Jörg, Grollmann, Philipp & Jens Bjørnå­vold (2020). Berufs­bil­dung 2035: Drei Szenarien für die Berufs­bil­dung in Europa, BWP, 3/2020 (49).
    Siehe auch die Film­kri­tik “The near-future shock of Years and Years” (2019) von  Sophie Gilbert in The Atlantic.

    Years & Years (2019): Official Trailer | HBO 

    Alex Fergnani, Science Fiction as Foresight: Top Three Methods, Feb 16, 2021 

    Transhuman? Filmstil, Years and Years

    The Lyons Family

    Emma Thompson in 'Years and Years' (2019), Filmstil

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    Zukunft der Arbeit: Science und Science-Fiction

    Jörg Markowitsch

    Zukunftsforschung hat sich längst als Wissenschaftsdisziplin etabliert. Weshalb die Forschung sich nicht scheuen sollte, Anleihen bei Science-Fiction Filmen zu nehmen, wird bei der britischen Miniserie „Years and Years“ (2019) von Russell T. Davies deutlich.

    In den ver­gan­ge­nen Jahren war ich beruflich selten im Jetzt. For­schungs­pro­jek­te, die ich zuletzt betreute, blickten abwech­selnd in die Ver­gan­gen­heit und in die Zukunft. Die Zukunft der Arbeit und der Bildung. Gemeinsam mit einem über ganz Europa ver­streu­ten For­schungs­team und diversen Inter­es­sens­grup­pen haben wir etwa Szenarien für die Ent­wick­lung der Berufs­bil­dung bis zum Jahre 2035 erar­bei­tet (Mar­ko­witsch, Grollmann & Bjørnå­vold 2020, Cedefop 2020).

    Szenarien fungieren dabei als plausible und relevante Geschich­ten einer ima­gi­nier­ten Zukunft. In der wis­sen­schafts­ba­sier­ten Poli­tik­be­ra­tung ist die Szenario-Methode eine Art Kom­pro­miss zwischen Wis­sen­schaft und Science-Fiction. Neben wis­sen­schaft­li­cher Strenge erfordert die Methode ein gehöriges Maß an Krea­ti­vi­tät und Phantasie. In diesem Sinne sind Szenarien in der Sozi­al­for­schung jenen im Film oder Comic, wo sie ja immer schon eine wichtige Rolle im Pro­duk­ti­ons­pro­zess hatten, sehr ähnlich.

    Dass sich die Zukunfts­for­schung selbst mit Science-Fiction Filmen beschäf­tigt, ist an sich eher die Ausnahme. Kürzlich hat jedoch ein junger ita­lie­ni­scher Zukunfts­for­scher, Ales­san­dro Fergnani, gemeinsam mit seinem Dok­tor­va­ter Zhaoli Song von der National Uni­ver­si­ty of Singapore eine Analyse von 140 Science-Fiction-Filmen vorgelegt, und ihre Erkennt­nis­se daraus auf mögliche künftige Aus­wir­kun­gen der COVID-19-Krise angewandt (Fergnani  & Song 2020, siehe auch Fergnanis  youtube channel). Immerhin wissen wir jetzt, dass die ver­schie­de­nen Szenarien im Science-Fiction Film, von Metro­po­lis über Blade Runner bis hin zu Hunger Games, stets auf dieselben sechs Zukunfts-Arche­ty­pen zurück­grei­fen und in der Regel 300 Jahre in der Zukunft liegen. In Hinblick auf gegen­wär­ti­ge poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen ist dies dann doch recht weit weg.

    Sehr viel hand­fes­ter und brauch­ba­rer für meine Arbeit fand ich hingegen die britische Drama-Fern­seh­se­rie “Years and Years” (2019) von Russell T. Davies. Sie beginnt in der Gegenwart und liefert eine Fiktion der kommenden 15 Jahren, umspannt also zufällig denselben Zeit­ho­ri­zont wie unsere Berufsbildungs-Szenarien.

    Die Serie folgt einer durch­schnitt­li­chen bri­ti­schen Familie, den Lyons, sowie dem kome­ten­haf­ten Aufstieg einer natio­na­lis­ti­schen Poli­ti­ke­rin (gespielt von der zwei­fa­chen Oscar-Preis­trä­ge­rin Emma Thompson) im Ver­ei­nig­ten König­reich unmit­tel­bar nach der Wie­der­wahl Trumps. Im Verlauf der Jahre erleben wir eine Ver­schär­fung der Flücht­lings­si­tua­ti­on, eine weitere Finanz­kri­se, eine Affen­grip­pe-Pandemie, den „Grexit“, einen extremen Linksruck in Spanien, einen US-Atom­schlag auf eine künst­li­che chi­ne­si­sche Insel sowie die Ver­schmel­zung Mensch und Maschine, die zu einer eigenen Bewegung wird (“Ich bin trans­hu­man, nicht transsexuell!”).

    Die Serie liefert gran­dio­ses Material für die Zukunfts­for­schung, inhalt­lich wie metho­disch. Als Zuschauer:innen werden wir nicht in eine ferne Zukunft geworfen, sondern erkennen wie Ent­schei­dung und Ereig­nis­se von heute, das Morgen beein­flus­sen. Sie ver­an­schau­licht damit, was die Sozi­al­wis­sen­schaft „Pfad­ab­hän­gig­keit“ nennt. Die Haupt­fi­gu­ren sind keine Helden oder Heldinnen, die den Lauf der Geschich­te verändern, sondern eine gewöhn­li­che britische Patchwork-Familie. Damit können wir sehen und fühlen, was die Zukunft für unser eigenes Leben bereit­hal­ten könnte. Außerdem wird von Anfang an deutlich, dass die Zukunft auch eine andere Richtung hätte nehmen können (Trump hat die Wie­der­wahl bekannt­lich verloren). Schließ­lich, und das ist viel­leicht der inter­es­san­tes­te Aspekt, die Lyons bleiben die Lyons. Trotz der diversen poli­ti­schen und per­sön­li­chen Krisen bleibt die Struktur der Mehr­ge­nera­tio­nen­fa­mi­lie weit­ge­hend stabil. Auch das ein wichtiger Hinweis für die Szenarien-Ent­wick­lung in der Sozi­al­for­schung: Welche Struk­tu­ren verändern sich rasch, welche nur all­mäh­lich? Oder, wie HBO die Serie ankündigt: „As society changes at an ever-incre­a­sing pace, the Lyons family expe­ri­en­ces ever­ything we hope for in the future, and ever­ything we fear.“

    Sowohl die Arche­ty­pen von Fergnani als auch „Years and Years“ ver­an­schau­li­chen das Potenzial, das für die Soft Sciences in einer Öffnung für andere (nicht-wis­sen­schaft­li­che) Formen der Wis­sens­ge­ne­rie­rung und Reflexion von Praktiken, sprich der Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät, steckt.

    Dank an Philipp Grollmann, ohne den der Artikel wohl nicht zustande gekommen wäre.

    Refe­ren­zen:
    Cedefop. (2020). Vocational education and training in Europe 1995–2035. Scenarios for European voca­tio­nal education and training in the 21st century. Luxem­bourg: Publi­ca­ti­ons Office of the European Union.
    Fergnani, A., & Song, Z. (2020). The six scenario arche­ty­pes framework: A sys­te­ma­tic inves­ti­ga­ti­on of science fiction films set in the future. Futures, 124, 102645..
    Mar­ko­witsch, Jörg, Grollmann, Philipp & Jens Bjørnå­vold (2020). Berufs­bil­dung 2035: Drei Szenarien für die Berufs­bil­dung in Europa, BWP, 3/2020 (49).
    Siehe auch die Film­kri­tik “The near-future shock of Years and Years” (2019) von  Sophie Gilbert in The Atlantic.

    Years & Years (2019): Official Trailer | HBO

    Alex Fergnani, Science Fiction as Foresight: Top Three Methods, Feb 16, 2021

    Transhuman? Filmstil, Years and Years

    The Lyons Family

    Emma Thompson in 'Years and Years' (2019), Filmstil

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    Gundermann: Abgesang auf ein Arbeitsparadigma

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    Das Biopic ‚Gundermann‘ (2018) erzählt ganz nebenbei auch vom Niedergang des Tagebau in der Lausitz und dem bereits verschwundenen Arbeitsparadigma der DDR.

    Wittgenstein stop motion

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    Ana Vasofs filmische Anekdoten beflügeln die Praxeologie und hinterfragen pointiert unsere Denk- und Verhaltensweisen.

    Sorry, Sie haben das Leben verpasst!

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    Gegen offene Ausbeutung können wir uns wehren. Subtile Formen hingegen sind nicht so leicht erkennbar und schwerer zu bekämpfen.

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    Über diesen Blog

    Mit der Auswahl eines Films oder eines Bildes ver­an­schau­licht dieser Blog buch­stäb­lich das weite Feld der Arbeit, Beschäf­ti­gung und Bildung in einer offenen Sammlung aka­de­mi­scher, künst­le­ri­scher und auch anek­do­ti­scher Erkenntnisse.

    Über uns

    Konrad Wakol­bin­ger dreht Doku­men­tar­fil­me über Arbeit und Leben. Jörg Mar­ko­witsch forscht zu Bildung und Arbeit.  Beide leben in Wien. Infor­ma­tio­nen zu Gast­au­toren und ‑autorin­nen finden sich bei ihren jewei­li­gen Beiträgen

    Über uns hinaus

    Interesse an mehr? Wir haben hier Emp­feh­lun­gen zu ein­schlä­gi­gen Festivals, Film­samm­lun­gen und Literatur zusammengestellt.

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